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Der Herr sagt: „Ich weiß deine Werke und deine Arbeit und deine Ausdauer.“ Das Fürwort am Anfang jedes Sendschreibens ist nicht „euer“, sondern „dein“. Von den sieben Gemeinden werden fünf getadelt, eine wird weder getadelt noch gelobt, und nur eine wird gelobt. Ephesus ist eine der Gemeinden, die Tadel empfängt. Doch zunächst einmal erwähnt der Herr gegenüber dem Boten von Ephesus die geistliche Wirklichkeit der Gemeinde. Manche Christen meinen, dass der Herr hier diplomatisch vorgehe und zuerst etwas Positives sagt, bevor er tadelt, damit der Getadelte nicht zu niedergeschlagen ist. Doch unser Herr ist nicht so. Er verdeutlicht lediglich die geistliche Wirklichkeit in der Gemeinde, die ungeachtet des äußeren Zustandes vorhanden ist. Obwohl das Volk Israel zur Zeit Balaks aus menschlicher Sicht verdorben war, sagte Gott durch Bileam, dass er keine Ungerechtigkeit in Jakob sähe (4.Mose 23:21). Nicht, dass Gott die Augen vor den Tatsachen verschließt oder schlechter sieht als wir; nein, er schaut hin, sieht aber nichts Falsches, denn er sieht die geistliche Wirklichkeit.
Es fällt nicht schwer zu erkennen, dass die Gemeinde sich heute in einem trostlosen Zustand befindet. Manchmal halten wir den Zustand eines Bruders oder einer Schwester ebenso für trostlos. Wenn der Herr jedoch die Kinder Gottes erleuchtet, erkennen sie, dass ihre Schwachheit und ihr Versagen Lüge sind. Wenn die geistliche Wirklichkeit tatsächlich wahr ist, dann ist alles andere Lüge.
Stellt euch zum Beispiel ein kleines Kind vor, das auf die Straße läuft und mit Dreck beschmiert wieder nach Hause zurückkehrt. Obwohl es schmutzig durch die Tür eintritt, behaupte ich, dass es sauber und hübsch ist. Es ist zwar äußerlich beschmutzt, doch der Dreck ist nicht ein Teil von ihm, sondern sobald es sich gewaschen hat, ist es wieder sauber. Jedes Kind Gottes muss erkennen, dass es gut ist, selbst bevor es sich gewaschen hat; die Beschmutzung ist eine Lüge; in Wirklichkeit ist es gut. Die Gemeinde heute sieht nicht so herrlich aus, wie Gott sie in seinem Wort beschreibt, und dennoch ist die Gemeinde auch heute in Gottes Augen herrlich. Wenn ihr geistliche Einsicht habt, könnt ihr erkennen, dass die Gemeinde schön ist, auch wenn sie nicht gewaschen ist. Aus diesem Grund könnt ihr Gott auch beständig für die Gemeinde danken. Die Gemeinde ist heute herrlich, sie hat keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen (Eph. 5:25– 27). Ohne Flecken bedeutet sündlos, und ohne Runzeln bedeutet nicht gealtert, denn sie unterhält eine stets frische Beziehung zum Herrn. Gott sagt, dass die Gemeinde in Ephesus gut ist – der geistlichen Wirklichkeit entsprechend ist sie gut.
„Und du hast geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind es nicht, und hast sie als Lügner erfunden.“ Dass der Herr hier vom Prüfen der Apostel spricht, beweist, dass es auch nach dem apostolischen Zeitalter noch Apostel in den Gemeinden gab. Hätte es nur zwölf Apostel gegeben, dann hätte die Gemeinde in Ephesus nur prüfen müssen, ob Johannes der Apostel war oder nicht, denn zu jener Zeit waren alle anderen elf Apostel bereits gestorben, und Johannes allein war noch übrig. Dass es notwendig war, die Apostel zu prüfen, beweist, dass es auch nach den zwölf Aposteln noch weitere Apostel gab.
„Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“ Das griechische Wort für „erste“ ist „proten“ und bezieht sich nicht nur auf den zeitlichen Vorrang, sondern auch auf den qualitativen. In Lukas 15 lesen wir, dass der Vater dem verlorenen Sohn das beste Kleid anzog; auch hier steht das Wort „proten“.
„Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter von seinem Ort wegstoßen, wenn du nicht Buße tust.“ Die Gemeinden in Offenbarung 2 und 3 waren nicht nur prophetische Gemeinden, sondern auch tatsächliche Gemeinden in sieben verschiedenen Städten Asiens. Es ist bemerkenswert, dass uns die Geschichte lehrt, dass es seit über tausend Jahren keine Gemeinde mehr in Ephesus gibt. Der Leuchter wurde in der Tat weggestoßen, sogar seine äußere Erscheinung. Heute gibt es zwar Gemeinden in vielen Orten, aber nicht in Ephesus. Weil die Gemeinde in Ephesus nicht Buße tat, wurde ihr Leuchter weggestoßen.
„Aber das hast du, dass du die Werke der Nikolaiten hasst, welche auch ich hasse.“ In der Kirchengeschichte gab es keine Nikolaiten. Da die Offenbarung ein Buch der Prophetie ist, müssen wir die Bedeutung des Wortes betrachten. Das griechische Wort „Nikolaos“ setzt sich zusammen aus „niko“, welches „erobern“ oder „über anderen sein“ bedeutet, und „laos“, welches „einfaches Volk“, „weltliches Volk“ oder „Laien“ bedeutet. „Nikolait“ bedeutet also „das einfache Volk erobern“, „über die Laien hochsteigen“. Der Herr hasst das Verhalten der Nikolaiten. Er verabscheut es, wenn sich Menschen als Mittler über die gewöhnlichen Gläubigen erheben. So etwas ist in der Tat hassenswert. Damals gab es jedoch nur solch ein Verhalten, „die Werke der Nikolaiten“, es war noch nicht zu einer Lehre geworden, aber die Gemeinde in Ephesus war bereits „lose geworden“.
Im Neuen Testament finden wir ein grundlegendes Prinzip: alle Kinder Gottes sind Priester Gottes. In 2.Mose 19 sprach Gott zum Volk Israel: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ Am Anfang hatte Gott vorgesehen, dass sein ganzes Volk ein Volk von Priestern sein sollte. Doch schon kurz darauf beteten sie das goldene Kalb an. Mose zerbrach empört die Tafeln des Gesetzes und rief: „Wer dem Herrn angehört, der töte seinen Bruder!“ In jenem Augenblick stellten sich die Leviten auf die Seite des Herrn, und dreitausend Israeliten wurden an jenem Tag erschlagen (2.Mose 32:25– 29). Von da an konnten nur die Leviten Priester sein. Nun war es nicht mehr ein Königreich von Priestern, sondern nur noch ein Stamm von Priestern. Die übrigen vom Volk Israel durften nicht als Priester dienen und waren von den Leviten als ihren Priestern abhängig.
Im Alten Testament gab es also von diesem Zeitpunkt an eine Schicht von Mittlern, und das war die Priesterschaft. Im Neuen Testament hingegen sagt Petrus: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk zum Eigentum“ (1.Petrus 2:9). Wir – die ganze Gemeinde – sind Priester. Damit sind wir wieder zum Anfang zurückgebracht. In Offenbarung 1:5–6 heißt es, dass alle diejenigen Priester sind, die Jesus mit seinem Blut erlöst hat. Die Priester sind für Gottes Anliegen zuständig. Es sollte in der Gemeinde keine vermittelnde Schicht geben, denn die Gemeinde hat als Mittler nur einen Hohenpriester, und das ist der Herr Jesus selbst.
Bevor es zu den Veränderungen in der Gemeinde kam, kümmerten sich alle Gläubigen um die Anliegen des Herrn. Nach dem Ableben der Apostel verloren die Menschen immer mehr das Interesse daran, dem Herrn zu dienen. Als die römisch-katholische Kirche entstand (zur Zeit von Pergamon), gab es unter den vielen Getauften nur wenige Gerettete, so dass zahllose Ungläubige in der Gemeinde waren. Daraufhin entstand die Gruppe des „Klerus“. Was konnte man tun, da es Gemeindeglieder gab, die nicht geistlich waren? Es wäre nicht angemessen gewesen, diese zu bitten, ihre Rechnungsbücher und Akten beiseite zulegen, die Bibel vorzunehmen und eine Predigt zu halten. Aus diesem Grunde entschloss man sich, eine Gruppe von ausgewählten Menschen mit der Besorgung der geistlichen Angelegenheiten zu beauftragen, während die übrigen weltlicher Arbeit nachgingen. Auf diese Weise entstand gegen den Willen Gottes der „Klerus“. Gott will vielmehr, dass alle Gläubigen, auch wenn sie einer weltlichen Arbeit nachgehen, sich um die geistlichen Belange kümmern.
In der römisch-katholischen Kirche sind es die „Pater“, die das Brot austeilen, die Hände auflegen, taufen usw., und sogar Hochzeiten und Begräbnisse werden vom „Klerus“ übernommen. In der evangelischen Kirche sind die Pastoren mit dieser Aufgabe betraut. Wer krank ist, wendet sich an einen Arzt, wer vor Gericht gehen will, an einen Rechtsanwalt, und mit geistlichen Angelegenheiten geht man eben zu einem Pastor. Und was bleibt mir selbst noch zu tun? Ich kann mich ohne Ablenkung weltlicher Arbeit widmen. Auch im Taoismus nehmen die taoistischen Priester den Menschen das Rezitieren der Liturgie ab, im Judentum regeln die Priester alle Angelegenheiten, die mit Gott zu tun haben. Aber in der Gemeinde darf es keine zwischen Gott und den Menschen vermittelnde Schicht geben, denn wir alle sind Priester.
Aus diesem Grund haben wir in den letzten zwanzig Jahren so eindringlich „das allgemeine Priestertum“ verkündet. Abel konnte Gott ein Opfer darbringen, ebenso Noah, und am Anfang konnte das ganze Volk Israel Opfer darbringen. Erst später, nach der Anbetung des goldenen Kalbes, durften sie die Opfer nicht mehr selbst darbringen. Doch im Neuen Testament sagt Gott, dass jeder Gläubige direkt zu ihm kommen kann. Aber heute gibt es die Mittler, die Nikolaiten, in der christlichen Kirche. Wer wagt es schon, in der Kirche aufzustehen und frei heraus zu sagen: „Ich danke meinem Gott!“ So etwas schickt sich nicht, denn dies steht nur den Nikolaiten zu. Damit ist das Christentum zum Judentum zurückgekehrt.
Der Herr freut sich über Menschen, die die Gruppe der Mittler ablehnen. Wenn das Blut euch gewaschen hat, habt ihr direkten Anteil an geistlichen Dingen. Die Gemeinde kann nur auf dieser Grundlage aufgebaut werden, sonst gehört sie zum Judentum. Unser Kampf richtet sich daher nicht eigentlich gegen die Denominationen, sondern wir kämpfen um alle Vorrechte, die das Blut uns erworben hat. Heute gibt es drei Hauptkategorien von Kirchen in der Welt: die eine ist die Weltkirche, die römisch-katholische Kirche; zur zweiten gehören die Staatskirchen, wie zum Beispiel die Anglikanische oder die Lutherische Kirche, und zur dritten die Freikirchen, wie die Wesley-Gemeinde, die Presbyterianische Gemeinde usw. Die römisch-katholische Kirche hat das (katholische) Priester-System, die Anglikanische Kirche das klerikale System, und die unabhängigen Gemeinden haben das pastorale System. Alle sind gekennzeichnet durch eine vermittelnde Schicht, die sich um die geistlichen Belange kümmert. Doch Gott möchte eine Gemeinde bauen, in die er ohne eine Gruppe von Mittlern das volle Evangelium ausgießen kann. Jede Vereinigung, die zusammenbricht, wenn das volle Evangelium Einlass findet, kann nicht die Gemeinde sein.
„Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ Das an Ephesus gerichtete Wort des Herrn gilt für alle sieben Gemeinden. Nicht nur die Gemeinde in Ephesus soll es zu Herzen nehmen, sondern alle anderen Gemeinden ebenso.
„Wer überwindet, dem werde ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.“ Gottes ursprüngliche Absicht war es, dass der Mensch von der Frucht des Baumes des Lebens essen sollte. Nun sagt Gott, dass wir direkt zu ihm kommen und seiner ursprünglichen Absicht entsprechend vom Baum des Lebens im Garten Gottes essen können. Die Frage ist, ob wir bereit sind, dieser seiner ursprünglichen Absicht Folge zu leisten. Nur die Überwinder dürfen essen. Jeder, der zu Gottes ursprünglicher Absicht und Verordnung zurückkehrt, ist ein Überwinder.
2.Auflage 2000
Taschenbuch Nr. 32
ISBN 3-88083-997-2
übersetzt aus dem Chinesischen
(wörtl.: Die Orthodoxie der Gemeinde)
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe
1995 VERLAG DER STROM GmbH,
Filderhauptstr. 61C,
D-70599 Stuttgart
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